Eine gebrochene Scheibe in einem Gründerzeitfenster wird meistens durch modernes Floatglas ersetzt. Technisch spricht nichts dagegen. Optisch schon: Das neue Feld ist völlig plan und spiegelt hart, die Nachbarfelder wellen sich leicht. Man sieht es sofort, und man sieht es für immer.
Restaurierungsglas ist Glas, das absichtlich nicht perfekt ist.
Woran man altes Fensterglas erkennt
Halten Sie etwas Gerades ins Glas – einen Fensterrahmen gegenüber, eine Dachkante, einen Türstock. Bei historischem Zylinderglas wellt sich die Spiegelung sichtbar; bei Floatglas bleibt sie schnurgerade. Dazu kommen im Streiflicht feine Schlieren in Ziehrichtung und vereinzelt kleine Luftbläschen.
Das ist kein Verschleiß. Es ist die Handschrift des Herstellungsverfahrens – Glas wurde bis ins 20. Jahrhundert geblasen oder gezogen, nicht auf einem Zinnbad geschwommen.
Mundgeblasen oder maschinengezogen – der Unterschied
| Mundgeblasenes Zylinderglas | Maschinengezogenes Restaurierungsglas | |
|---|---|---|
| Herstellung | geblasen, zu Zylindern geformt, aufgeschnitten und im Ofen zur Tafel gestreckt | maschinell aus der Schmelze gezogen, mit gewollter Struktur |
| Bild | unregelmäßig, lebendig, jede Tafel anders | gleichmäßiger, deutlich ruhiger |
| Eingebaut | klar erkennbar historisch | vom Original kaum zu unterscheiden |
| Preis | hoch | moderat |
| Passt für | Denkmal, Ergänzung neben Originalglas | den überwiegenden Teil der Fälle |
Nur noch wenige Glashütten in Europa stellen Flachglas im Mundblasverfahren her; die manuelle Fertigung von mundgeblasenem Glas gilt als schützenswerte handwerkliche Tradition. Entsprechend ist es kein Katalogartikel, sondern eine Bestellung mit Vorlauf.
Für die meisten Wiener Altbaufenster ist maschinengezogenes Restaurierungsglas die richtige Wahl. Echtes Zylinderglas lohnt sich dort, wo der Denkmalschutz mitredet – oder wo direkt neben einer erhaltenen Originalscheibe ergänzt wird und der Vergleich unmittelbar ist.
Glasstärken im Kastenfenster: warum außen dünner als innen
Beim Kastenfenster kommt zur Optik eine zweite Überlegung dazu. Zwei gleich starke Scheiben schwingen im gleichen Frequenzbereich – für den Schallschutz ist das die schlechteste aller Varianten. Das Bundesdenkmalamt nennt ein konkretes Verhältnis:
„Im Falle eines Glaswechsels sollen die unterschiedlichen Glasstärken beim inneren und äußeren Fenster möglichst im Verhältnis von 1:2 stehen (z. B. 3 mm außen / 6 mm innen).“
Bundesdenkmalamt, „Standards der Baudenkmalpflege“, 2. Auflage 2015Praktisch heißt das: Restaurierungsglas gehört in den Außenflügel – dort ist es sichtbar, dort ist es dünn, und dort ist es richtig. Der Innenflügel trägt das dickere Glas und übernimmt Wärme- und Schallschutz. Wie das im Zusammenspiel funktioniert, steht auf der Seite Kastenfenster sanieren.
Wann altes Glas erhalten statt ersetzt wird
Der beste Ersatz für historisches Glas ist historisches Glas. Bevor wir zum Tausch raten, prüfen wir, ob die vorhandene Scheibe zu halten ist:
- Ein Sprung, der nicht durch das ganze Feld läuft, lässt sich unter Umständen mit einer eingelöteten Bleirute fassen – das ist eine sichtbare, aber ehrliche Reparatur, die man an alten Fenstern häufig findet.
- Lose Scheiben liegen oft nur an einer zerfallenen Kittfase. Neu verkitten ist deutlich weniger Eingriff als tauschen.
- Wo mehrere Felder betroffen sind, lässt sich manchmal umsetzen: das unversehrte Originalglas an die sichtbare Stelle, das neue an eine untergeordnete.
Einmal ausgebaut, kommt eine gewachsene Scheibe nicht wieder. Das ist der Grund, warum wir hier langsamer sind als üblich.
Was wir dafür brauchen
- Ein Foto der Scheibe im Streiflicht. Seitlich fotografiert, damit Wellen und Schlieren sichtbar werden – frontal sieht jedes Glas gleich aus.
- Ein Foto des ganzen Fensters, damit wir sehen, wie viele Felder betroffen sind und was daneben liegt.
- Die Angabe, ob Denkmalschutz besteht. Das entscheidet über die Glasart und darüber, ob ein Bescheid nötig ist.
- Aufmaß vor Ort. Falz, Stärke, Zustand der Kittfase.
Vor der Bestellung zeigen wir Ihnen ein Muster – im Streiflicht, nicht flach auf dem Tisch. Nur so sieht man, was man bekommt.
Häufige Fragen
Woran erkenne ich altes Fensterglas?
An der Spiegelung. Halten Sie etwas Gerades – einen Fensterrahmen, eine Dachkante – ins Glas: Bei altem Zylinderglas wellt sich die Spiegelung sichtbar. Dazu kommen kleine Bläschen und feine Schlieren im Streiflicht.
Muss es mundgeblasenes Glas sein?
Nur selten. Maschinengezogenes Restaurierungsglas ist im eingebauten Zustand kaum zu unterscheiden und deutlich günstiger. Echtes Zylinderglas ist dort das Richtige, wo der Denkmalschutz mitredet oder wo direkt neben einer erhaltenen Originalscheibe ergänzt wird.
Ist die Welligkeit ein Mangel?
Nein, sie ist der Zweck. Restaurierungsglas wird gerade deshalb hergestellt, weil planes Floatglas im Altbaufenster falsch aussieht. Wir zeigen Ihnen vorher ein Muster im Streiflicht, damit Sie wissen, was Sie bekommen.
Können Sie die alte Scheibe erhalten statt sie zu ersetzen?
Oft ja. Ein Sprung lässt sich unter Umständen mit einer Bleirute oder einer Kittfase sichern, und historisches Glas hat gegenüber jedem Nachbau einen Vorsprung, den es nicht wieder gibt. Wir sehen es uns an, bevor wir zum Tausch raten.
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Quellen dieser Seite
- Bundesdenkmalamt, „Standards der Baudenkmalpflege“, 2. Auflage 2015
- Magistratsabteilung 19, Folder „Wiener Kastenfenster“, 2010
- Herstellerangaben der Glashütten zu Restaurierungs- und Zylinderglas
Glaserei Sahin